As lütat am Schtäakaborawiibli

Rheintaler Legende über eine besondere Frau und die erste Glocke im Rheintal

In Widnau läutet es seit vielen, vielen Jahren jeden 24. Dezember, also in der Heiligen Nacht, immer exakt eine Stunde vor Beginn der Mitternachtsmesse. Es ist ein ganz besonderes Läuten, denn zu hören ist aus dem Turm der Josefskirche nur die eine einzige Glocke, nämlich die kleinste. Was hat das zu bedeuten?


Broschüre von Herbert Markovits

Was hat es auf sich mit dem Schtäakaborawiibli? Warum  läutet die kleinste Glocke in Widnau eine Stunde vor der Mitternachtsmesse? Wer hat die erste Glocke im Rheintal gestiftet und in welchem Kirchturm hängt sie heute? Diese und viele andere Fragen beantwortet die Broschüre "As lütat am Schtäakaborawiibli".

Schtäakaborawiibli-Hirsch-Engel-Albert-Wider-Widnau
Titelbild der Broschüre. Für ein Adventsfenster colorierte schwarz-weiss Zeichnung von Albert Wider.

Die Pfarrei Widnau erinnert mit diesem Ritual an die Zeit vor 1840, als im ganzen Rheintal noch keine einzige Kirche eine Glocke besass. Der Brauch ist echtes Kulturgut und richtet sich nach einem Versprechen, das die Bewohner damals gaben, als die erste und einzige Glocke im Rheintal ganz hell und fein bimmelte. Die Umstände dazu erzählt die Legende vom Schtäakaborawiibli.


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Broschüre "As lütat amSchtäakaborawiibli"
Herbert Markovits stellt seine Broschüre der breiten Bevölkerung kostenlos zum Herunterladen zur Verfügung. Es ist ihm ein grosses Anliegen die Legende vom Schtäakaborawiibli auch den nächsten Generationen weiterzuvermitteln.
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Schtäakaborawiibli.pdf
Adobe Acrobat Dokument 3.8 MB

Inhalt:

  • Gut zu wissen
  • Vollfassung der Legende schriftsprachlich
  • Vollfassung der Legende mundartsprachlich
  • Kurzfassung der Legende schriftsprachlich
  • Kurzfassung der Legende mundartsprachlich
  • Das Adventsfenster am Jakobihus
  • Das Schloss Glopper
  • Die Loretokapelle und das kleine Glöckchen

 

Loreto-Kapelle-Lustenau
Die Loreto-Kapelle - Letzte Heimat der ersten Glocke im Rheintal?

Schtäakaborawiibli - Kurzfassung

Die folgenden beiden Kurzfassungen, schriftsprachlich und mundartsprachlich, möchten dich auf die Legende "gluschtig" machen. Die Broschüre vermittelt allerdings zusätzlich viele interessante Details und erklärt wichtige Begriffe. 

 

Mein Tipp: Lade die Broschüre kostenlos herunter um alle Hintergrundinformationen zu erfahren.

 

As lütat am Schtäakaborawiibli

Kurzfassung schriftsprachlich

 

Vor vielen Jahren mussten alle Einwohner beidseits des Rheins nach Lustenau zur Kirche, denn einzig dort gab es ein kleines

Kirchlein. Bei Hohenems stand oben am Berg die Höhenburg Schloss Glopper. Hinter dieser lebte eine alte, fromme Edelfrau. Der Weg, auf dem sie jeweils nachhause schritt, hiess «der Steckenweg». Deshalb kannte man sie in Hohenems als «Steckenwegerin» oder das «Steckenwiibli».

 

Jeden Sonntag ging die fromme Frau den Weg vom Schloss Glopper zu Fuss hinunter bis nach Lustenau in die Kirche zum Gottesdienst. Als die gütige Edelfrau davon hörte, dass die Mönche des Klosters St. Gallen Glocken giessen können, wollte sie auch ihrer Pfarrkirche in Lustenau eine solche schenken. Sie bestellte ein feines Glöcklein, das künftig die Menschen aus allen Dörfern zum Gottesdienst rufen konnte.

 

Das Glöcklein wurde auf Weihnachten im Turm der Kirche zu Lustenau angebracht. In der Heiligen Nacht, als das Schtäakaborawiibli, wie alle Jahre, zur Messe eintraf, erklang das kleine Glöcklein zum ersten Mal.

 

Später erbauten die Leute von Hohenems eine eigene Kirche. Auch das Schtäakaborawiibli ging nun jeden Sonntag dort zum Gottesdienst. All die Jahre aber kam sie an Weihnachten doch noch zur Christmesse nach Lustenau. Die Lustenauer läuteten das feine Glöcklein dem Schtäakaborawiibli, als Dank für die erste Glocke des Rheintals. Wenn das Schtäakaborawiibli noch weit weg war, fing ihr Glöcklein schon an zu läuten. Die Leute von Diepoldsau, Widnau, Au und von den vielen Höfen und Häusern beidseits des Rheins strömten zusammen. Alle sprachen zueinander: «As lütat am Schtäakaborawiibli. Kumm o, mear wänd i d’Meattarnachtsmäass goh!»

 

In einer Heiligen Nacht aber kam das Schtäakaborawiibli nicht mehr. Auf einmal fing das Glöcklein an zu läuten, ganz allein. Als es so eine ganze Weile schon läutete, ging man nachschauen, wer es wohl läutet. Niemand zog am Glockenseil. Das Glöcklein läutete von selbst. Dann kam ein Läufer von Hohenems und meldete, das Schtäakaborawiibli sei gestorben. Alle Leute weinten. Der Pfarrer und das ganze Volk von Lustenau und Widnau versprachen: Für ewige Zeiten wollen wir eine Stunde vor Beginn des Mitternachtsgottesdienstes dem Schtäakaborawiibli läuten. Und so machen es die Leute all die Jahre bis auf den heutigen Tag. Die älteren Leute erzählen den Kindern immer wieder: «Wenn es dem Schtäakaborawiibli läutet, dann zieht die alte Edelfrau auf einem kräftigen Hirsch vom Schloss Glopper nach Lustenau. Sie freut sich an all jenen Kindern, die während des Jahres brav gewesen sind und deshalb ein schönes Weihnachtsfest feiern dürfen.»


As lütat am Schtäakaborawiibli

Kurzfassung mundartsprachlich

 

Vor mänga Johr hond alli Lüt bedsitig vum Rhy gi Luschtnou id Kercha müssa, wil nu döt häats a klinsas Kapäallali gia.

Z’Hohenems ischt omma am Bärg d’Höhaburg Schloss Glopper gstanda. Hiandar dianar häat a alti, frommi Frou gwuant. Dr Wäag, wo vum Tal zu ianner hua ganga ischt, häat Schtäackawäag ghoassa. Drum häat ma si z’Hohenems als Schtäackawäagari oder als Schtäakawiibli kännt.

 

Jeada Sunntig ischt dia fromm Frou da Wäag vum Schloss Glopper z’Fuass achi bis gi Luschtnou id Kercha zum Gottesdianscht ganga. Wo dia güatig Edelfrou davu ghört häat, dass d’Mönch z’St. Galla Glogga, wo wunderschüa klingid, güssa kond, häat o si

dr Kercha vu Luschtnou a däragi Glogga schänka wella. Si häat a fiis Glöggli bstellt, wo vu iazt a alli Lüt us alla Dörfar zum Gottesdianscht rüafa ka.

 

S‘ Glöggli häat ma ar Wiahnacht im Torm id Kercha z’Luschtnou brocht. I dr Heiliga Nacht, wo s’Schtäakaborawiibli, wia all Johr, id Mäass ko ischt, häat das kli Glöggli zum erschta Mol glütat.

 

Spöter hond dänn d‘Lüt z’Hohenems a oagni Kercha boua. O s’Schtäakaborawiibli ischt döt jeada Sunntig id Kercha ganga. Alli Johr is abar ar Wiahnacht glich no id Meattarnachtsmäass gi Luschtnou ganga. D’Luschtnouer hond das fii Glöggli förs Schtäakoborawiibli glütat, als Dank för dia erscht Glogga vum Rhintl. Ischt s’Schtäakaborawiibli no wit awäag gsi, häat iannar sis Glöggli schu agfanga lüta. D’Lüt vu Diapildsou, Widnou, Ou und vu da viila Höf und Hüsar vu beda Sita vum Rhy sind zämma gströmt. Alli hond zunanand gset: «As lütat am Schtäakaborawiibli. Kumm o, mear wänd id Meattarnachtsmäass goh!».

 

Innara Heilaga Nacht aber ischt s’Schtäakaborawiibli nümma ko. Uf uamol häat s’Glöggli agfanga lüta, ganz alua. Wos schu a ganzas Wiili glütat häat, ischt ma gi luaga, wärs ächt lütat. Niamat häat am Gloggasöali zooga. S’Glöggli häat ganz alua glütat. Dänn ischt an Löüfar vu Hohenems ko und häat gset, s’Schtäakaborawiibli sei gstorba. Alli Lüt hond brölat. Dr Pfarrar und s’ganz Volk vu Luschtnou und Widnou hond versprocha: För alli Zit wönd mear i dr Heilaga Nacht a Stund vor dr Meattarnachtsmäass

nu förs Schtäakaborawiibli lüta. Und asoa honds d’Lüt alli Johr bis hüt gmacht. Dia eltara Lüt verzellid da Kiand all wiedar: «Wänns am Schtäakaborawiibli lütat, zücht dia alti Edelfrou uf ama kräftaga Hirsch vum Schloss Glopper gi Luschtnou. Si fröüt sich a da Kiand, wo s‘Johr dori brav gsi siand und drum a schüas Wiahnachtsfäascht fiira dörid.»

Fassade-Kindergarten-Rüti-Widnau-Schtäakaborawiibli-Albert-Wider
Der Widnauer Künstler Albert Wider hat die Legende vom Schtäakaborawiibli an der Fassade des Kindergartens Rüti bildlich umgesetzt.

Quellen:

Text und Bilder aus der Broschüre von Herbert Markovits, Montlingen